Eingangstor mit Inschrift „Arbeit macht frei“ in der KZ-Gedenkstätte Dachau gestohlen

In der Nacht vom 1. auf den 2. November 2014 sind unbekannte Täter in das umzäunte und bewachte Gelände der Gedenkstätte eingedrungen und haben das historische Lagertor des Konzentrationslagers Dachau gestohlen. Der oder die Täter mussten dazu ein Flügeltor übersteigen, um auf das Gelände zu gelangen. Es handelt sich um den ersten und schwersten Angriff auf den historischen Gebäudebestand in der Geschichte der Gedenkstätte. Ziel der Schändung ist das im „Jourhaus“ befindliche Lagertor: das zentrale Symbol des Leidensweges der Häftlinge des Konzentrationslagers.

So zeigte sich der Überlebende und Vizepräsident des Internationalen Dachaukomitees, Dr. Max Mannheimer „entsetzt, dass anscheinend Nazis das Andenken an die an diesem Ort Ermordeten schänden und die Pietät dieses Ortes antasten. Ich hätte diese Qualität der Zerstörung nicht für möglich gehalten“.

Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, bezeichnet diese Tat als einen „bewussten und abscheulichen Akt der Verleugnung und der Auslöschung der Erinnerung an die an diesem Ort begangenen Verbrechen. An dem Angriff auf dieses besonders symbolträchtige Relikt des Konzentrationslagers zeigt sich eine neue Dimension: hier sollte der Ort in seinem Kern zerstört werden. Und das alles geschieht nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, in dem die Überlebenden, die ihr Vertrauen in die deutsche Geschichts- und Aufarbeitungskultur gesetzt haben, nicht mehr lange unter uns sein werden. Deutlich wird, dass wir noch lange nicht am Ende der Aufarbeitung angekommen sind, sondern dass uns gerade vor dem Hintergrund der NSU-Morde und anderen Phänomenen der Radikalisierung die Aufgabe zukommt, diese Orte der Aufklärung zu schützen und zu bewahren.“

Inzwischen ist eine Anzeige gegen unbekannt erfolgt, Polizei und Staatsschutz ermitteln. Alle Sicherheitsstandards werden nun sorgfältig auf den Prüfstand gestellt und gegebenenfalls in Absprache mit der Polizei erhöht. Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, hat unverzüglich den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann verständigt und ihn um größtmögliche Unterstützung bei der Aufklärung des Falles gebeten.

Zur Geschichte des Gebäudes

SS-Angehörige zwangen Häftlinge im Mai und Juni 1936 das Jourhaus zu errichten. Das Jourhaus war der Ein- und Ausgang des Häftlingslagers und das Dienstgebäude der Lager-SS. Die Bezeichnung „Jourhaus“ kommt aus dem militärischen Sprachgebrauch (französisch jour = Tag) und bezeichnet, dass hier der Dienst des Tages untergebracht war. In dem Gebäude befanden sich die Diensträume für die Schutzhaftlagerführer, Rapport- und Blockführer. Der Durchgang des Gebäudes war durch ein geschmiedetes Tor verschlossen, durch das die Häftlinge nach ihrer Ankunft das Lager betraten und dann täglich zu den Arbeitskommandos marschieren mussten. Das Torhaus markierte so die Grenze zwischen der Außenwelt und der Inhaftierung. Dieses Tor wurde von Häftlingen in einer der Werkstätten des Lagers geschmiedet. Der kommunistische Häftling Karl Röder musste auf Befehl der SS die Inschrift „Arbeit macht frei“ anfertigen, die nach Kriegsende entfernt und im Jahre 1972, sieben Jahre nach Gründung der Gedenkstätte, durch eine Rekonstruktion ersetzt wurde. In diesem Spruch spiegelt sich die verharmlosende NS-Propaganda wider, die darauf abzielte, die Konzentrationslager als "Arbeits- und Umerziehungslager" darzustellen. Zugleich markieren diese Worte die zynische Haltung der SS gegenüber den Häftlingen, denn in den Konzentrationslagern war die Zwangsarbeit eines der zentralen Mittel des Terrors.

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